Afghanistan nach 1945

Zeit des Kalten Krieges (nach 1945)
König Mohammed Nadir Schah

Nach der Empfehlung einer Aufnahme des Landes zu den Vereinten Nationen durch die Resolution 8 des UN-Sicherheitsrates trat es am 19. November 1946 der Internationalen Gemeinschaft bei.

Erst 1964 kam es mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung durch die Loya Dschirga (Große Ratsversammlung) zur Einführung der konstitutionellen Monarchie.

Die ersten freien Wahlen fanden im September 1965 statt. Erstmals wurde ein Ministerium, nämlich das Gesundheitsministerium, einer Frau (der Abgeordneten K. Noorzai) übertragen. Immer wieder gab es schwere Auseinandersetzungen zwischen den Volksteilen und Krisen durch Nahrungsmittelmangel. Am 17. Juli 1973 kam es in Abwesenheit des Königs Mohammed Sahir Schah, der zu einem Kuraufenthalt in Italien weilte, zu einem Staatsstreich unter Führung von dessen Schwager, dem ehemaligen Ministerpräsidenten General Sardar Mohammed Daoud Khan, der aber relativ wenige Opfer forderte. Daoud Khan rief die Republik Afghanistan aus und übernahm sofort alle politisch bedeutenden Ämter: So wurde er Staatspräsident, Regierungschef, Verteidigungs- und Außenminister in Personalunion. Am 24. August 1973 dankte der gestürzte König Mohammed Sahir Schah auf Daoud Khans Verlangen ab. Außenpolitisch strebte Daoud Khan die Beibehaltung des Status Afghanistans als Pufferstaat zwischen der Sowjetunion und dem Westen an. Daouds Regierung entwickelte sich zu einer brutalen Diktatur und wurde von Anfang an sowohl von der linken Opposition, die insbesondere in der Khalq-Partei (dt. Volkspartei) organisiert war, als auch von islamischen Gruppierungen aus der Illegalität und dem pakistanischen Exil heraus bekämpft. Die Anführer der Khalq-Partei sahen eine Unterwanderung des afghanischen Militärs und die Durchführung eines Staatsstreiches als notwendiges Mittel zur Machtübernahme an.

Der Kampf gegen Daoud Khan kulminierte in der Saurrevolution im April 1978, in der der afghanische Diktator durch das Militär nach einer blutigen Belagerung seiner Residenz abgesetzt und hingerichtet wurde. Neue Machthaber in dem in „Demokratische Republik Afghanistan” umbenannten Staat waren die Anführer der vorher illegalen Khalq-Partei Nur Muhammad Taraki, Hafizullah Amin und Babrak Karmal. Sie starteten einen radikalen Versuch, das völlig unterentwickelte Land mittels einer Bodenreform und weiterer Maßnahmen zu einem modernen sozialistischen Staat zu entwickeln. Ihre Abhängigkeit von sowjetischer Hilfe nahm zu, als die während der Bodenreform enteigneten Großgrundbesitzer zusammen mit dem lokalen muslimischen Klerus zu bewaffnetem Widerstand gegen das neue Regime aufriefen und dabei Unterstützung von chinesischer und wenig später von amerikanischer Seite erhielten. Zusätzlich begann sich die Khalq-Partei zu radikalisieren und gegen Taraki opponierende Mitglieder aus ihren Reihen auszuschließen, zu verhaften oder zu ermorden. Einer der gefährlichsten Widersacher Tarakis war Hafizullah Amin, dem es schließlich gelang, den sowjetfreundlichen Taraki töten zu lassen.

Als die Regierung gegenüber den konservativ-islamischen geprägten Kräften immer mehr in Defensive geriet, ließ die Sowjetunion am 25. Dezember 1979 Truppen in Afghanistan einmarschieren und setzte Karmal als Präsidenten ein. Amin wurde bei dem Einmarsch von sowjetischen Spezialeinheiten ermordet. Afghanistan wurde Opfer eines „Stellvertreterkrieges“. Es gelang den Sowjets jedoch nicht, den Widerstand der verschiedenen islamischen Gruppen (Mudschaheddin) zu brechen, obwohl eine waffentechnische Überlegenheit gegeben war. Die letzten sowjetischen Truppen verließen am 15. Februar 1989 das Land. Die afghanischen Widerstandskämpfer gewannen letztendlich den Konflikt mit Hilfe der gleichen Guerillataktik (Vermeidung offener Feldschlachten) wie in den Afghanisch-Britischen Kriegen; außerdem konnten sie auf die Unterstützung aus Pakistan, Saudi-Arabien, den USA bauen, die zum Beispiel chinesische Waffen für die Mudschahidin kauften und lieferten. Speziell in orthodoxen islamischen Ländern wie Saudi Arabien wurden Söldner angeworben, die sich nach Kriegsende im zersplitterten Land festsetzten.

Islamischer Staat Afghanistan

Nachdem sich die UdSSR im Februar 1989 aus Afghanistan komplett zurückgezogen hatte, dauerten die Kämpfe zwischen der von der UdSSR gestützten Regierung und den Mudschaheddin weiter an. Mit Unterstützung der Sowjetunion konnte die Regierung von Mohammed Nadschibullāh überleben. Jedoch brach die UdSSR 1991 zusammen. So konnte sich Nadschibullāh nicht mehr halten und am 18. April 1992 eroberten die Truppen von Ahmad Schah Massoud und Abdul Raschid Dostum Kabul.

Im April 1992 wurde der Islamische Staat Afghanistan durch die Peshawar Accords gegründet. Gulbuddin Hekmatyār begann mit der Unterstützung Pakistans einen jahrelangen Krieg in Kabul gegen den Islamischen Staat, der weite Teile Kabuls zerstörte. Zusätzlich kam es zum grausamen Krieg zwischen weiteren verfeindeten Milizen. Der Süden Afghanistans war weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle von außen kontrollierter Milizen wie der Hekmatyārs. Lokale Milizen- oder Stammesführer beherrschten den Süden. 1994 traten die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Die Taliban-Bewegung stammte ursprünglich aus religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan, welche meist von der politischen pakistanischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam geführt wurden. Im Laufe des Jahres 1994 übernahmen die Taliban die Macht in verschiedenen südlichen und westlichen Provinzen Afghanistans.

Ende 1994 gelang es dem afghanischen Verteidigungsminister Ahmad Schah Massoud, Hekmatyār und die verschiedenen Milizen militärisch in Kabul zu besiegen. Die Bombardierung der Hauptstadt wurde gestoppt. Massoud initiierte einen landesweiten politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung und demokratischer Wahlen. Es fanden drei Konferenzen mit Vertretern aus vielen Teilen Afghanistans statt. Massoud lud die Taliban ein, sich diesem Prozess anzuschließen und sich an der Schaffung von Stabilität zu beteiligen. Die Taliban lehnten ab. Statt einer Demokratie wollten sie ein diktatorisches Emirat errichten.

Anfang 1995 starteten die Taliban großangelegte Bombenkampagnen gegen Kabul. Amnesty International schrieb dazu:
„Dies ist das erste Mal nach einigen Monaten, dass die Zivilisten Kabuls das Ziel von Bombenangriffen wurden, die sich gegen Wohnbezirke in der Stadt richteten.“

Die Taliban erlitten eine vernichtende Niederlage gegen die Truppen Massouds.
Taliban-Emirat gegen Vereinte Front

Territoriale Kontrolle Afghanistans im Winter 1996: Massoud (blau), Taliban (grün), Dostum (rosa), Hezb-i Wahdat (gelb)                                               

Im September 1996 hatten sich die Taliban mit militärischer Unterstützung Pakistans und finanziellen Hilfen aus Saudi-Arabien neu formiert. Sie planten eine erneute Großoffensive gegen Kabul. Am 26. September 1996 befahl Massoud einen strategischen Rückzug seiner Truppen in den Norden Afghanistans. Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, welches lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Die Regierung des Islamischen Staates Afghanistan, zu der der Verteidigungsminister Massoud gehörte, blieb die international anerkannte Regierung Afghanistans (mit Sitz bei den Vereinten Nationen).

Die früheren Gegner Ahmad Schah Massoud und Abdul Rashid Dostum gründeten die Vereinte Front ursprünglich als Reaktion auf massive Talibanoffensiven gegen die Gebiete unter der Kontrolle Massouds auf der einen Seite und die Gebiete unter der Kontrolle Dostums auf der anderen Seite. Schon bald entwickelte sich aus der Vereinten Front jedoch eine nationale politische Widerstandsbewegung gegen die Taliban. Ahmad Schah Massoud verfolgte mit ihrer Hilfe das Ziel, eine demokratische Staatsform in Afghanistan zu errichten. Der Vereinten Front trat die von den Taliban verfolgte Volksgruppe der Hazara ebenso bei wie die paschtunischen Führer Abdul Qadir oder Hamid Karzai, der aus dem Süden stammende spätere Präsident Afghanistans. Qadir entsprang einer einflussreichen Familie, welche großen Einfluss im paschtunischen Osten Afghanistans um Dschalalabad genoss.

Ahmad Schah Massoud blieb der einzige Kommandeur, der seine Gebiete ab 1998 erfolgreich gegen die Taliban verteidigen konnte. Pakistan intervenierte militärisch auf Seiten der Taliban, konnte jedoch keine Niederlage Massouds herbeiführen. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf – damals u. a. als Stabschef des Militärs – entsandte zehntausende Pakistaner, um an der Seite der Taliban und Al-Qaida gegen die Truppen Massouds zu kämpfen. Insgesamt gehen Schätzungen von 28.000 pakistanischen Staatsbürgern, die innerhalb Afghanistans kämpften, aus. Weitere 3.000 Soldaten auf Seiten der Taliban waren Milizionäre aus arabischen Ländern oder Zentralasien. Von geschätzten 45.000 Soldaten, die gegen die Vereinte Front innerhalb Afghanistans kämpften, waren nur etwa 14.000 Afghanen.

Die Taliban verhängten über die Gebiete unter ihrer Kontrolle ihre politische und juristische Interpretation des Islam. Die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen, lebte quasi unter Hausarrest. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen begingen die Taliban systematische Massaker gegen die Zivilbevölkerung, während sie versuchten ihre Kontrolle im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren. Die Vereinten Nationen benannten 15 Massaker in den Jahren 1996 bis 2001. Diese seien „höchst systematisch gewesen und alle auf das Verteidigungsministerium [der Taliban] oder Mullah Omar persönlich zurückzuführen.“ Die sogenannte 055 Brigade Al-Qaidas war ebenfalls an Gräueltaten gegen die afghanische Zivilbevölkerung beteiligt. Der Bericht der Vereinten Nationen zitiert Zeugenaussagen, welche beschreiben, dass arabische Milizionäre lange Messer mit sich trugen, mit denen sie Kehlen aufschnitten und Menschen häuteten.

Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militärischem Druck und einer globalen politischen Agenda an. Ressentiments und Widerstand gegen die Taliban, ausgehend von den Wurzeln der afghanischen Gesellschaft, wurden immer stärker. Dies betraf auch die paschtunischen Gebiete. Insgesamt flohen schätzungsweise eine Million Menschen vor den Taliban. Hunderttausende Zivilisten flohen in die Gebiete von Ahmad Schah Massoud. Der National Geographic kam in seiner Dokumentation „Inside the Taliban“ zu dem Schluss:

„Das einzige, was zukünftigen Massakern der Taliban im Wege steht, ist Ahmad Schah Massoud.“

Im Frühling 2001 sprach Ahmad Schah Massoud vor dem Europäischen Parlament in Brüssel und bat die internationale Gemeinschaft um humanitäre Hilfe für die Menschen Afghanistans. Er erklärte, dass die Taliban und Al-Qaida eine „sehr falsche Interpretation des Islam“ eingeführt hätten und dass die Taliban, wenn sie nicht die Unterstützung Pakistans hätten, ihre militärischen Kampagnen in dem Zeitraum eines Jahres nicht mehr aufrechterhalten könnten. Während seines Besuchs in Europa, bei dem ihn die europäische Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine den „Pol der Freiheit in Afghanistan“ nannte, warnte Massoud davor, dass sein Geheimdienst Informationen habe, denen zufolge ein großangelegter Anschlag auf amerikanischem Boden unmittelbar bevorstehe.
Nach dem 11. September 2001

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 begannen die USA am 7. Oktober mit der Operation Enduring Freedom, das seit 1996 in Afghanistan herrschende Talibansystem zu stürzen und die dort nach US-Angaben operierende Terrororganisation Al-Qaida mit ihrem Anführer Osama bin Laden durch massive Angriffe aus der Luft zu zerschlagen. Während unter den NATO-Staaten Einigkeit darüber herrschte, dass der Militärschlag gerechtfertigt sei, kam es in islamischen Ländern, zum Beispiel im Nachbarland Pakistan, zu Demonstrationen gegen den Krieg. Am 13. November 2001 fiel die Hauptstadt Kabul. Wenige Wochen nach den ersten Angriffen gelang es der Nordallianz, die bis dahin etwa zehn Prozent des Landes kontrollierte, nahezu das gesamte Land einzunehmen. Nach der ersten internationalen Afghanistan-Konferenz in Bonn wurde Hamid Karsai 2002 als Übergangspräsident eingesetzt und eine internationale Schutztruppe unter dem ISAF-Kommando aufgestellt.