Afghanistanreise Mai/Juni 2016

Liebe Bamyanfreunde,
ich bin nun schon wieder einige Zeit aus Afghanistan zurück und möchte darüber berichten.
Nach meiner Ankunft in Afghanistan übernachtete ich in Kabul. Da alle Flüge nach Bamyan ausgebucht waren, nutzte ich die gefährlichere Busfahrt.
Es ging auf guter neu gebauter Straße in Richtung Bamyan in die Berge. Vorbei an Dörfern, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Durch herrliche Gebirgslandschaft und wüstenartiges Gelände. Nach dem Erreichen der Grenze der Provinz Bamyan wurde die Straße schlagartig schlechter – ein Hinweis auf die geringen Geldmittel, die diese Provinz aus Kabul erreichen.

Nach der Ankunft am Abend in Bamyan ging es erst einmal darum, eine Unterkunft für die erste Nacht zu finden. Es gibt dort inzwischen auch ein Luxushotel mit Übernachtungspreisen für über 100 US-Dollar für eine Nacht. Dies hätte aber mein Budget gesprengt. Also suchte ich mir ein Zimmer für eine Nacht. Am nächsten Tag fand ich eine Wohnung für mich und Frozan, die etwa eine Woche später nachkommen würde. Nachdem Frozan eingetroffen war, fuhren wir nach nach Qula Quesch, um die Schule zu besuchen. Die Fahrt nach Qula Quesch war wie immer beschwerlich und wir benötigten mit dem Allrad-Kleinbus für die Reise einen ganzen Tag. Wir unterhielten uns in Qula Quesch mit den Lehrern, Schülerinnen und Schülern und natürlich auch den Bewohnern über die Probleme der Schule und auch des Ortes. Wir brachten den Kindern Hefte und Stifte mit, was bei den knappen finanziellen Möglichkeiten der Menschen in Qula Quesch freudig aufgenommen wurde. Es bedurfte einiger Geduld, den Menschen vor Ort klar zu machen, dass unser kleiner Verein nicht alle Wünsche erfüllen kann. Die Schule fanden wir in gutem Zustand vor, allerdings mussten bereits einige Ausbesserungsarbeiten erledigt werden, denn die Bauqualität entspricht leider nicht dem in Deutschland gewohntem Standard und auch eine Gewährleistung der Baufirma gibt es dort nicht. Alles in allem verlief der Aufenthalt harmonisch und auch zu unserer Zufriedenheit.

Nach Rückkehr nach Bamyan-Stadt vergaben wir den Auftrag zur Instandsetzung an eine dortige Firma. Bei einem zweiten Aufenthalt in Qula Quesch konnten wir uns davon überzeugen, dass die Arbeiten zum Teil bereits erledigt waren bzw. kurz der Fertigstellung standen. In Qula Quesch übernachteten wir bei uns schon von früher bekannten Einheimischen.
Nach der Rückkehr nach Bamyan-Stadt erlaubten wr uns einen touristischen Abstecher zu den Band-I-Amir Seen, dem einzigen Nationalpark Afghanistans. Hier ein Auszug aus Wikipedia: Die Band-e-Amir-Seenkette (von persisch بند امیر, DMG    Band-e Amīr, ‚Stausee des Befehlshabers‘[3]) liegt in der Provinz Bamiyan am Hindukusch in Afghanistan und besteht aus sechs Seen, die ähnlich den Plitvicer Seen durch natürlich entstandene Travertindämme aufgestaut sind. Seit 2009 sind sie als erster Nationalpark Afghanistans ausgewiesen. Die Region ist eine wellige Hochebene auf etwa 3000 m, die vom Canyon der Seen eingeschnitten wird. Einige umgebende Berge reichen bis 3700 m. Im Gebiet um die Seen herrscht ein durch die Höhe besonders extremes Kontinentalklima.[5] Von November bis März ist durchgehend Frost zu beobachten.
Von Bamyan-Stadt führt eine gute neu gebaute Straße nach Band-I-Amir.
Zurück in Bamyan-Stadt besprachen wir mit wichtigen regionalen Personen die Weiterentwicklung der Region und natürlich auch von Qula Quesch und unserer Schule. Wir bekamen grünes Licht für die Erstellung einer kleinen Wasserkraftanlage für die Stromversorgung von Qula Quesch und unserer Schule. Natürlich besuchten wir auch Bekannte in der Stadt und unternahmen kleine Ausflüge in die Umgebung.
Von Bamyan ging es nach kurzem Aufenthalt in Kabul via Istanbul zurück nach Stuttgart.
Die wirtschaftliche Situation in ganz Afghanistan hat sich sehr verschlechtert, besonders sehe ich dies in der Provinz Bamyan, einer der ärmsten des Landes. Die Menschen sehen keine Perspektive für ihre Zukunft. Die Gebildeten und inzwischen auch der Mittelstand sehen ihre Zukunft nicht mehr in Afghanistan. Die Schuld daran hat meiner Ansicht die katastrophale Wirtschaftspolitik der Regierung Ghani, die bekannter
weise unter äußerst fragwürdigen Umständen nach einer Wahl, die nach Ansicht der meisten Menschen, die ich dort traf, nicht korrekt abgelaufen ist, zustande gekommen ist. Ghani setzt die Bevorzugung seiner Ethnie noch stärker als Karzai durch und gefährdet damit den Frieden oder sogar den  Zusammenhalt des Landes. Der Staatshaushalt Afghanistans wird zum Großteil vom Ausland finanziert, hier fehlen nun die Gelder, die die ausländischen Truppen vor dem Abzug des größten Teils von Ihnen, im Land gelassen haben. Der Verteilungskampf wird härter und die Verlierer sind wie so oft die schwächsten, zu denen wieder einmal die Provinz Bamyan und die Bevölkerung, die überwiegend aus den sowieso schon in der Vergangenheit so gebeutelten Hazaras besteht. Hinzu kommt, dass die Zufahrtswege in diese Provinz nicht sicher sind und dies eine wirtschaftliche Entwicklung sehr erschwert. In der Provinz  Bamyan ist es nach wie vor ruhig und friedlich. Der Bildungsstand eines großen Teils der Bevölkerung hat sich gebessert, so dass sich viele Bewohner ihrer Situation bewusst sind. Allerdings hat sich die Situation der Möglichkeit für Bildung seit dem Zustandekommen der Regierung Ghani wieder verschlechtert – es sind zum Beispiel kaum noch Gelder für die Anschaffung von Schulbüchern vorgesehen. Zur wirtschaftlichen Situation siehe auch weiter unten.
Hier noch etwas Hintergrundwissen:
Durch die von dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani betriebene Politik des freien Handels (auch weltweit), sinken die Preise für landwirtschaftliche Produkte in Afghanistan. Die Bauern in Afghanistan können aufgrund der schlechten klimatischen Bedingungen trotz der dort üblichen geringen Löhne mit den Preisen, die der Weltmarkt diktiert, nicht mithalten.
Durch die von Ghani verfolgte Politik der totalen Deregulierung werden die lokalen Anbieter und Hersteller (auch die dort ansässigen kleinen mehr handwerklichen Produktionsbetriebe) aus dem Markt katapultiert. Der Markt wird von industriell hergestellten zum Teil von den Herstellerländern subventionierten landwirtschaftlichen Produkten überschwemmt. Genauso verdrängen industriell hergestellte Billigwaren (überwiegend aus China) die der heimischen Hersteller. Das Ergebnis sind Hungerlöhne und Kinderarbeit, die von der Regierung Ghani nicht bekämpft oder sogar geduldet werden. Die Menschen sehen keine Perspektive und versuchen entweder das Land, vorzugsweise in Richtung Europa,  zu verlassen oder schließen sich vermeintlichen Heilsbringern, wie zum Beispiel den Taliban an, die eine bessere Zukunft versprechen.

Während unsere Aufenthaltes fanden große Demonstrationen von Hazaras (aus der Provinz Bamyan) gegen eine Planänderung von TUTAP statt (siehe: https://thediplomat.com/2016/05/tutap-energy-project-sparks-political-infighting-in-afghanistan).
Dies betrifft eine Energieleitung von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan. Der Vertrag über diese Leitung wurde von dem früheren Präsidenten Karzai unterzeichnet und diese Leitung sollte über Bamyan verlaufen. Die Bewohner dieser Provinz (eine der ärmsten Afghanistans – nicht zuletzt durch jahrzehntelange Diskriminierung) hatten sich davon einen wirtschaftlichen Aufschwung versprochen. Auf Anordnung von Ghani soll nun dieser Plan dahingehend geändert werden, dass diese Leitung nicht mehr durch Bamyan, sondern durch die Heimat von Ghani führen soll. Mit Hilfe dieser Energieleitung hätte die Möglichkeit bestanden, die in der Provinz Bamyan reichlichen Vorkommen von verschiedenen Erzen auszubeuten und damit dieser Provinz einen Aufschwung zu bescheren. Da die Ethnie der Hazara bevorzugt von der Ethnie der Paschtunen, der auch Ghani angehört, bekämpft und diskriminiert wird, fällt es leicht, sich in die Gedankengänge der meisten Menschen in der Provinz Bamyan hineinzuversetzen.

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