Das afghanische Schulsystem

Wer sich mit dem heutigen Bildungssystem Afghanistans befasst, sollte sich zuvor an die zivilisatorischen Errungenschaften, den hohen Entwicklungsstand und das herausragende Wissen erinnern, über das die islamische Welt lange vor der europäischen Renaissance verfügte. Auch wenn es in westlichen Kulturen vollendet wurde, hier ist das Fundament für weite Teile des philosophischen und naturwissenschaftlichen Denkens gelegt worden. Es umfasst neben der Mathematik, Optik, Medizin und Astronomie auch Dichtung, Architektur, Philosophie sowie Schmiedekunst und Keramik.
Heute ist die Analphabetenrate in Afghanistan sehr hoch. Sie beträgt je nach Region zwischen 70 und 85 Prozent. Bei den Frauen und Mädchen sogar bis zu 90 Prozent.
Das moderne Bildungswesen Afghanistans wurde 1904 mit einer Schule begründet, die vor allem Fachkräfte für das afghanische Staatswesen ausbilden sollte und bis 1919 unter britischer Leitung stand.
Während der Regierungszeit des Reformators Amir Amanullah Khan (1919-1929) kam es zur Gründung zahlreicher weiterer Schulen, sowohl im allgemein- als auch im berufsbildenden Bereich. Erste moderne Schulen wurden 1912 in Kabul eröffnet; die erste Mädchenschule 1933. Ein Jahr zuvor, 1932, wurde die Universität Kabul gegründet; lange Zeit die einzige des Landes. Die elf Fakultäten wurden 1992 von 10.000 Studentinnen und Studenten besucht. Weitere Universitäten des Landes sind in Jalalabad (gegr. 1962), in Herat (1988), in Mazar-i-Scharif und in Kandahar (beide 1991 gegründet).
König Amanullah führte die sechsjährige Schulpflicht ein und begründete die Tradition, Absolventen der staatlichen Schulen mit Hilfe von Staatsstipendien an ausländischen Universitäten ausbilden zu lassen.
Anfang der 1960er Jahre wurden große Anstrengungen zum Ausbau des Schulsystems unternommen, die durch den Krieg, nach Einmarsch der Sowjetarmee, wieder zunichte gemacht wurden. Etwa drei Viertel aller Schulen wurden zerstört, das sind schätzungsweise über 2000 Gebäude. In den achtziger Jahren sollen Tausende Lehrer von den Mudjaheddin ermordet worden sein. Andere flohen vor der Verfolgung außer Landes.
Dieser Niedergang wurde erst durch die Taliban gestoppt, die jedoch Mädchen den Schulbesuch generell verboten und keine weiblichen Lehrkräfte zuließen. Unter den Taliban besuchten nicht mehr als 22 Prozent aller Kinder eine Schule. Auch die Kinder, die in Flüchtlingslagern in Pakistan und Indien heranwuchsen, hatten oft keine oder nur eingeschränkte Möglichkeiten, eine Schule zu besuchen.
Seit 2002 bemüht sich das neu errichtete Ministerium für Erziehung um den Wiederaufbau des Bildungswesens in Afghanistan. Geplant sind eine Grundschulpflicht von sechs Jahren und die gleichmäßige Verteilung der Schulen auf Stadt und Land, um allen Bevölkerungsteilen eine kostenlose Allgemeinbildung zu vermitteln. Weiterführende Schulen finden sich hauptsächlich in Kabul und den Provinzhauptstädten. Bereits 2002 meldeten sich zwei Millionen mehr schulpflichtige Kinder zum Schulbesuch als vorgesehen. Für sie konnten keine Lehr- und Lernmaterialien zur Verfügung gestellt werden. Im Schuljahr 2005/06 besuchte eine unerwartet hohe Zahl von über vier Millionen Kindern die Schulen – davon etwa 1,2 Million Mädchen. Seit 2002 eine Vervierfachung. Die Einschulungsrate für Mädchen in die Primärschule von drei Prozent (vor 2002) hat sich im Jahr 2003 auf über 35 % erhöht. Dennoch werden, so schätzt Unicef, immer noch etwa 1,5 Millionen Mädchen im schulfähigen Alter vom Schulbesuch ausgeschlossen.
Das Erziehungsministerium steht bei seinen Reformbestrebungen jedoch vor immensen Umsetzungsproblemen, die nicht nur ideologisch begründet sind. Fast 70 Prozent der Schulen sind völlig zerstört und weitere müssen renoviert bzw. repariert werden. Von den 100.000 registrierten Lehrkräften haben nur etwa 15 % eine qualifizierte Ausbildung. Manchmal übernehmen ältere Schüler den Unterricht der jüngeren. Während der Opiumernte fehlt in vielen Regionen oft die Hälfte der Schüler. Während der milchige Saft von den angeritzten Mohnkapseln geschabt wird, verdingen sie sich für ein oder zwei Dollar am Tag bei den Großbauern als Erntehelfer und unterstützen so ihre Familien. Wieder andere Kinder sind täglich mit der lebensnotwendigen Wasserversorgung ihrer Familien beschäftigt, nach stundenlangen Fußmärschen bleibt für Bildung bleibt kaum Zeit für einen Schulbesuch.
So konnte die 1975 eingeführte allgemeine Schulpflicht für Kinder vom siebten bis zum zwölften Lebensjahr nie landesweit durchgesetzt werden. Obwohl der Schulbesuch kostenfrei ist, Eltern müssen aber Lernmaterialien etc. selbst bezahlen, teilweise auch die Schuluniform – was für die allermeisten Familien eine zu hohe Belastung darstellt.

Quellen:
bqm
Ruthven, M. 2000. Der Islam. eine kurze Einführung. Stuttgart: Reclam
Thiel, S. 2007. KulturSchock Afghanistan. Bielefeld: Reise Know How Verlag.
Schetter, C. 2007. Kleine Geschichte Afghanistans. München: Beck.
Koelbl, S. & Ihlau, O. 2007. Krieg am Hindukusch. Menschen und Mächte in Afghanistan. München: Siedler Verlag.

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