Das Massaker von Mazar-e-Sharif 1998

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Am 8. August 1998 eroberte die radikal-islamische Taliban-Bewegung mit Unterstützung von Truppen aus Pakistan die Stadt Mazar-e Scharif im Norden Afghanistans. In den ersten sechs Tagen nach dem Fall der ehemaligen Hauptbasis der sogenannten Nordallianz, eines Bündnisses verschiedener Widerstandsgruppen gegen die Taliban, wurden gemäß einem Bericht des Sonderberichterstatters der UN-Menschenrechtskommission, Choong-Hyun Paik, vom 6. November 1998 zwischen 4.000 und 5.000 Angehörige der Volksgruppen der Tadschiken und Usbeken, vor allem aber Hazara, ermordet.
Der UN-Sonderberichterstatter sprach von einem „Mordrausch“ (killing frenzy). Die Exekutionen seien „systematisch, geplant und wohlorganisiert“ gewesen. Vor allem auf Hazara, die sich im Unterschied zur Mehrheit der Afghanen meist zur schiitischen Glaubensrichtung des Islam bekennen, hätten die sunnitischen Taliban, die sich mehrheitlich aus der Volksgruppe der Paschtunen rekrutieren, Jagd gemacht.

Schätzungsweise 3.000 Hazara seien in ihren Häusern oder auf den Straßen umgebracht worden. Die amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sprach in einem im November 1998 veröffentlichten Bericht von mindestens 2.000 Ermordeten und bestätigte, daß hauptsächlich Hazara Opfer der Massaker wurden.

Der Bericht von HRW beruht vor allem auf den Aussagen von Flüchtlingen aus Mazar-e Scharif, die Wochen später in Nordpakistan eintrafen. Danach wurden vor allem männliche Hazara unterschiedlichen Alters Opfer von Massakern, die von Führern der Taliban initiiert wurden. So habe der von ihnen eingesetzte Gouverneur, Mullah Manon Niazi, die Hazara-Schiiten öffentlich als „Kafir“ (Ungläubige) bezeichnet und zur Gewaltanwendung an ihnen aufgerufen.

In Stadtteilen Mazar-e Scharifs, in denen viele Hazara lebten, zogen die Taliban-Truppen von Haus zu Haus. Einige Hazara, die des Paschtu mächtig waren oder sunnitische Gebete rezitieren konnten, entkamen. Dagegen wurden als Hazara identifizierte Zivilisten entweder sofort hingerichtet oder erst zusammengetrieben und dann erschossen. Verwandte, die ihre toten Angehörigen von den Straßen bergen wollten, wurden von Taliban-Soldaten mit der Begründung davon abgehalten, daß die Leichen von den Hunden gefressen werden sollten.

Mazari, 1. Vorsitzender der Hazara-Einheitspartei Hezb-e Wahdat, von den Taliban ermordetMehrere Dutzend Hazara wurden am Grabmal von Mazari, dem ersten Vorsitzenden der Hazara-Einheitspartei Hezb-e Wahdat, den die Taliban 1996 umgebracht hatten, geradezu rituell hingerichtet. Das Grabmal selbst wurde geschändet, die Gebeine des Märtyrers aus gegraben und verstreut. Menschen, die aus Mazar-e Scharif zu flüchten versuchten, wurden von den Taliban kontrolliert, alle Hazara festgenommen, Männer und Jungen von den Frauen und Mädchen getrennt, in verschiedene Gefängnisse bzw. Lager abtransportiert.

Mehrere Flüchtlinge meldeten Vergewaltigungen junger Hazara-Frauen — ein Verbrechen, das sonst von Taliban-Soldaten kaum bekannt geworden ist. Ein Zeuge berichtete einer Hazara-Partnerorganisation der GfbV über das Schicksal seiner Nachbarfamilie: „Bevor die Taliban das Haus erreichten, konnten die Männer fliehen. Nur die Frauen und ein Baby blieben zurück. Das Kind war erst sechs bis sieben Monate alt. Die Taliban erkundigten sich nach dem Geschlecht des Babies. Die Mutter versicherte, es sei weiblich. Doch sie glaubten dies nicht und prüften es nach. Oh Gott! Welch ein herzzrrreißender Moment. Einer der Taliban kam nach vorne und setzte ihren Fuß auf das Bein des Babys, nahm den anderen Fuß des Kindes und zerriss das Wesen in zwei Hälften.

Das Massaker von Mazar-e Scharif ist teilweise als Racheakt zu erklären. Als die Stadt im Sommer 997 nach einem ersten Einmarsch der Taliban befreit wurde, sollen Truppen des usbekischen Generals Malik Pahlawan und eines Kommandanten der Hazara-Einheitspartei Hezb-e Wahdat, Mohammed Mohaqiq, 2.000 kriegsgefangene Taliban-Soldaten ermordet haben (vgl. pogrom 198/ 1998). Allerdings hat die Taliban-Führung selbst immer Malik als Hauptverantwortlichen für diese Kriegsverbrechen bezeichnet.

Daß im August 1998 vornehmlich Hazara in ihr Visier gerieten, hat folglich noch andere Ursachen: Die Hazara wurden aufgrund ihrer leicht erkennbaren mongolischen Gesichtszüge und ihres persischen Dialekts seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als der paschtunische König Abdur Rahman Afghanistan mit Gewalt einte, abwechselnd blutig verfolgt und diskriminiert.

Die Taliban haben in den von ihnen kontrollierten Gebieten die öffentliche Ausübung des schiitischen Glaubens bei Strafe untersagt. Betroffen davon sind in besonderem Maße die Hazara, die z.B. in der afghanischen Hauptstadt Kabul vermutlich mehr als 30 Prozent der Bevölkerung stellen.

Hazara-Flüchtlinge aus Mazar-e Scharif in Nordpakistan. Foto: V. FrauenfelderAnfang September 1998 eroberten die Taliban auch weite Teile des zentralafghanischen Berglandes, das nach seinen Bewohnern traditionell das „Hazara-jat“ genannt wird. Bamiyan, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und Hochburg der Hezb-e Wahdat, wurde nach dem Überlaufen einer sunnitischen Hazara-Fraktion und einem Bombardement durch die pakistanische Luftwaffe am 13.9.1998 überraschend schnell eingenommen.

Nach dem bereits zitierten Bericht von UN-Sonderberichterstatter Paik wurden in der Bamiyan-Provinz und den benachbarten Gebieten etwa 1.800 Hazara-Zivilisten umgebracht. Nach Berichten von Flüchtlingen gegenüber afghanischen Menschenrechtlern erschossen die Taliban 250 unbewaffnete Männer, die sie zuvor in der Stadt Bamiyan gefangen genommen hatten.

Während des Winters 1998 mußten die Taliban ihre Truppen weitgehend abziehen. Ihre Statthalter gaben sich moderat, um die Hazara-Bevölkerung nicht gegen sich aufzubringen. Als mit Frühjahrsbeginn 1999 die Kämpfe in Zentralafghanistan wieder einsetzten, vertrieben die Taliban erneut tausende Hazara. Am 20. April meldete Hezb-e Wahdat die Rückeroberung Bamiyans.

Ein betrübliches Fazit bleibt zu ziehen: Das Massaker von Mazar-e Scharif war eines der schwersten Kriegsverbrechen 1998, doch während Wochen schien die Weltöffentlichkeit gleichgültig. Zwar trifft es zu, daß das Gros der internationalen Hilfsorganisationen die Stadt verlassen hatte und die Taliban westliche Journalisten von ihrem Operationsgebiet fernhielten, doch war in Mazar-e Scharif immerhin eine Mission des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) präsent.

Das IKRK hat jedoch keine Informationen herausgegeben. Der Iran als selbsternannte Schutzmacht der Schiiten in Afghanistan hat sich wochenlang ausschließlich darüber aufgeregt, daß die Taliban in Mazar-e Scharif neun seiner Diplomaten ermordet hatten. Einen Tag vor der Eroberung Bamiyans protestierten amnesty international und die Gesellschaft für bedrohte Völker International dagegen, daß auch die UNO zum Massaker an den Hazara schwieg.

Dieses Schweigen, das die UNO erst im Spätherbst 1998 brach, nachdem sie sich ganz aus Afghanistan hatte zurückziehen müssen, ist kein Einzelfall. Von August 1997 bis Mai 1998 standen Barmyan und seine Nachbarprovinzen unter einer Hungerblockade der Taliban, die mehrere tausend Hazara das Leben gekostet haben soll.

Das in Afghanistan damals aktive World Food Pogramme (WFP), eine Hilfsorganisation der UNO war sich der angespannten Lage zwar bewußt, doch hat es einen Konflikt mit den Taliban vermieden, um in deren Herrschaftsgebiet ungehindert arbeiten zu können. Nur eine US-amerikanische Hilfsorganisation, Knightsbridge International, hat im Februar 1998 eine kleine Luftbrücke eingerichtet.

Im Oktober 1998 verordneten die Taliban, daß alle Nicht-Muslime in Afghanistan ein gelbes Stück Stoff als Kennzeichen tragen sollen. Von dieser diskriminierenden Regelung besonders betroffen sind die schätzungsweise 50 Hindu-Familien, die vor allem noch im südafghanischen Kandahar, der Hochburg der Taliban, siedeln, fließen Paschtu sprechen und afghanische Pässe besitzen. Am Vorabend der sowjetischen Invasion hatten in Afghanistan noch schätzungsweise 20.000 Hindus und 15.000 Sikhs gelebt, deren Vorfahren sich im 17. Jahrhundert dort angesiedelt hatten.

Die Angehörigen dieser kleinen Minderheiten taten sich meist im Handel hervor. Mit ihren Turbanen, mit den bunten Stoffen und den wohlriechenden Gewürzen, die sie feilboten, bereicherten sie die großen Basare. In den letzten 20 Jahren haben die meisten von ihnen Afghanistan in Richtung Indien oder Europa verlassen. Die wenigen Verbliebenen müssen jetzt, da sie noch leichter erkannt werden, vermehrt Übergriffe fürchten.

Aus: progrom Nr. 202/Februar, März 1999