Interview mit einer Studentin

Eine Studentin fragte über die Website unseres Vereines um ein schriftliches Interview wegen ihrer Abschlussarbeit im Ethnologie und Journalismus-Seminar an.
Ich möchte Ihnen dies nicht vorenthalten. Deshalb hier das Interview im Original:

In welchen Gebiet leben die Hazara?

Die Ethnie der Hazara lebt überwiegend im Hazarajat, das überwiegend die Provinz Bamiyan und andere Gebiete umfaßt. Durch die Fluchtbewegungen der jüngeren Vergangenheit leben inzwischen viele Hazara auch in Pakistan, Iran, aber auch in Europa, Australien und Kanada.

Was bedeutet es, Hazara zu sein?

Hazara zu sein bedeutet das Gefühl zu haben, im Staat Afghanistan (das bedeutet – Land der Paschtunen) unerwünscht zu sein. Dies erfährt mal als Hazara außerhalb des Siedlungsgebietes der Hazara fast überall, besonders in paschutunsichen Siedungsgebieten, wo man nicht ohne Gefahr für Leib und Leben kleinere Orte besuchen kann. In größeren Städten ist dies nicht so ausgeprägt, allerdings sollte man durch eine Ghettobildung innerhalb der Städte bestimmte Stadtteile nicht besuchen (No go areas).

Wie ist die Stellung der Frau bei den Hazaras?

Die Stellung der Frau ist wie allgemein im islamischen Kulturkreis traditionell hauptsächlich auf den familiären Umkreis beschränkt. Allerdings ist die Stellung der Frau in der hazarischen schiitischen Umgebung freier als im restlichen Afghanistan, besonders im Vergleich zu den paschtunischen Siedlungsgebieten.
Eine Vollverschleierung (Burka) ist traditionell bei den Hazaras unüblich.
Allerdings gibt es auch hier große Unterschiede zwischen den städtischen und ländlichen Siedlungsgebieten und den einzelnen Familien.

Welche beruflichen Möglichkeiten haben die Hazara?

Grundsätzlich stehen den Hazara alle Möglichkeiten offen. Es gibt einige wenige herausragende Persönlichkeiten der Ethnie der Hazara. Insgesamt sind gebildete Hazara nicht gerne gesehen. Auch sind die Berufsaussichten für gebildete Hazara schlechter als für die anderen Ethnien – dies durch eine mehr oder weniger subtile Art der Diskriminierung.
Durch eine schlechtere Versorgung mit Schulen sowie Lehr- und Lernmaterial in der Provinz Bamiyan ist die Bildung eine Großteils der dortigen Bevölkerung geringer als im restlichen Afghanistan und somit bleiben die beruflichen Möglichkeiten oft auf Tätigkeiten in der Landwirtschaft und im einfachen Umfeld beschränkt. Andererseits hat die Zahl der Schulabgänger und die Zahl der Studenten aus dem Hazarajat überdurchschnittlich zugenommen, was darauf hinweist, wie wichtig die Bevölkerung aus diesem Gebiet das Thema Bildung nimmt.

Was wollten Sie als Kind werden?

Ich wuchs in einer Familie eines gewalttägen Vaters, der mit drei Frauen verheiretet war und mit 13 Geschwistern auf.
Als Mädchen war für mich der Weg als Ehefrau und Mutter vorgezeichnet. Ein Schulbesuch war mir untersagt. Lesen und Schreiben lernte ich autodidaktisch, brachte es mir also selbst gegen den Widerstand meiner Eltern bei.

Was haben Ihre Eltern gemacht?

Mein Vater war Weber und Landwirt, machte aber auch Geschäfte durch An- und Verkauf von Grundstücken. Meine Mutter war Hausfrau.
Beide Elternteile konnten weder lesen noch schreiben.

Was hat Sie in die Flucht getrieben?

Ich wurde von meiner Familie mit einem ungeliebten Mann zwangsverheiratet. Mit diesem hatte ich vier Kinder. Uns ging es finanziell schlecht. Mein Mann war gewalttätig, was das Leben in der Familie zur Hölle machte.
Dazu kamen der Krieg und der Bürgerkrieg in den 90er Jahren, in dem ich viele schreckliche Dinge erleben musste. Bei mir wurde außerdem eine Krebserkrankung diagnostiziert, was sich später als unzutreffend herausstellte.
Um diesen Verhältnissen zu entgehen, flüchtete ich mit drei Kindern nach Deutschland. Einen Sohn mußte ich leider zurücklassen.

Wie haben Sie vor Ihrer Flucht gelebt?

Siehe oben

Mit welchen Hoffnungen sind Sie geflohen?

Ich hoffte auf bessere Lebensbedingungen für mich und meine Kinder sowie eine Trennung von meinem ungeliebten gewalttägigen Mann und auf eine Heilung der bei mir unzutreffenderweise festgestellten Krebserkrankung.

Was unterscheidet Hazara von den anderen?

Hazara unterscheiden sich von den anderen Ethnien durch das andersartige Aussehen (andere Form der Augen und allgemein „asiatische Gesichtszüge“ sowie durch die schiitische Form des Islam gegenüber der sunnitischen Glaubensrichtung der anderen Ethnien. Viele Hazara haben durch die jahrhundertelange Diskriminierung und Unterdrückung auch das Gefühl einer Minderwertigkeit. Dieses Gefühl löst sich inzwischen langsam auf.

Wie wirkt sich die (politische) Diskriminierung auf die Hazara aus?

Die Hazara haben durch diese Diskriminierung weniger Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Auch sind Reisen überland oft nicht möglich bzw. gefährlich, was in Gebieten, die von den Taliban kontrollliert werden, dazu führt, daß gezielt Hazara aus den Fahrzeugen geholt und gefoltert oder/und getötet werden.
Dadurch ergibt sich bei vielen Hazara ein Angstgefühl, daß das ganze Leben beeinflußt.

Sind andere Minderheiten genau so diskriminiert?

Nicht in dem Maße wie die Hazara.

Wie sehen die Taliban die Hazara?

Die Taliban sehen die Hazara durch die abweichende schiitische Glaubensrichtung als ungläubige, schlimmer noch als vom wahren Glauben abgefallene, die es zu vernichten gilt. Auch das andere (asiatische) Äußere trägt hierzu bei.
Hierzu der Ausspruch „ Tadschiken nach Tatschikistan, Usbeken nach Usbekisten, Hazaras nach Gorestan (Friedhof)!

Wie denken die Hazaras über die Paschtunen?

Durch die historische Vergangenheit bedingt (Verdrängung des Hazara in die unwirtlichen Berge, immer wieder Übergriffe durch die nomadisierenden paschtunischen Kotschi und die Legalisierung dieser Übergriffe durch die Regierung in Kabul, Ermordung vieler Hazara durch die afghansichen/paschtunischen Könige) sowie die alltägliche Diskrminerung bzw. die täglichen Übergriffe ergibt sich logischerweise eine Mischung aus Angst und Haß. Allerdings gibt es auch persönlichen eher seltene Freundschaften.

Wie denken die Paschtunen über die Hazara?

Da sollten Sie die Paschtunen fragen. Meines Wissens gelten die Hazara als ungläubig und unwissend.

Können Paschtunen und Hazara zusammenleben?

Gebildete vorurteilsfreie Paschtunen und Hazara können sicher zusammenleben.
Ein vernünftiges Zusammenleben der beiden Ethnien bedarf wahrscheinlich einer gewissen Zeitspanne ohne gegenseitige Diskriminierung und Übergriffe, um ein Vergessen oder Verdrängen in den Menschen zu bedingen.

Kann man interethnisch heiraten?

Dies ist möglich, aber wird nicht gerne gesehen.
Ehen zwischen Hazara und Paschtunen sind extrem selten.

Wieso weiß man sowenig über die Hazara?

Hazara haben weltweit keine Lobby.
Informationen über die Hazara werden von der afghanischen Regierung zurückgehalten bzw. unterdrückt.
Erst in der neueren Zeit wird dieses Thema einer größeren Öffentlichkeit bedingt durch die weltweite Fluchtbewegung bewußt.

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